Marcus Kalb
Interview mit Marcus Kalb von Prinoa Dental GmbH
Prinoa Dental ist ein Start-up aus Solingen, das als digitales Fräszentrum für Dentallabore tätig ist. Das Unternehmen setzt auf einen durchgängig digitalen Bestell- und Fertigungsprozess für zahntechnische Arbeiten und kombiniert automatisierte Abläufe mit moderner Produktionstechnologie. Ziel ist es, Laboren eine effiziente und verlässliche Zusammenarbeit in der Fertigung zu ermöglichen.
Idee und Motivation
Was war der konkrete Auslöser für die Gründung von Prinoa Dental? Mit welcher Vision seid ihr gestartet – was wolltet ihr im Markt anders oder besser machen?
Marcus Kalb: Prinoa ist aus einem sehr konkreten Gefühl heraus entstanden: Die Zahntechnik ist voller Leidenschaft – aber im Alltag geht diese oft verloren.
Komplexe Prozesse, Zeitdruck und fehlende Ressourcen sorgen dafür, dass sich vieles schwerer anfühlt, als es sein müsste. Genau das wollten wir ändern.
Unsere Vision war deshalb klar: Zahntechnik muss einfacher, digitaler und vor allem verlässlicher werden. Prozesse sollen entlasten – nicht zusätzlich belasten. Unser Ziel war nie nur, ein weiteres Fräszentrum zu sein, sondern eine Lösung, die sich für Dentallabore wirklich leicht anfühlt.
Welche Rolle spielt Solingen bzw. NRW als Gründungsstandort für euer Unternehmen – etwa im Hinblick auf Netzwerke, Hochschulumfeld oder Förderangebote?
Marcus Kalb: Solingen und NRW haben uns genau das Umfeld gegeben, das man als Gründerin oder Gründer wirklich braucht: kurze Wege, ehrliches Feedback und Menschen, die unterstützen.
Neben Förderprogrammen war vor allem das Gründungs- und Technologiezentrum Solingen entscheidend – Kontakte, die Türen öffnen, Partnerinnen und Partner, die mitdenken, und ein Umfeld, in dem man schnell ins Handeln kommt.
Und vielleicht das Wichtigste: Hier wird gemacht. Diese Bodenständigkeit und Umsetzungsstärke passen perfekt zu unserem Ansatz.
Technologie und Innovation
Welches Problem im Arbeitsalltag von Dentallaboren löst ihr konkret – und wie verändert euer Ansatz bestehende Prozesse?
Marcus Kalb: Die Zahntechnik ist heute hochdigital: Was früher gegossen wurde, wird heute konstruiert, gefräst oder gedruckt. Gleichzeitig bleibt jedes Produkt individuell.
Viele Labore haben die Technologie – aber es fehlt an Fachkräften, die sie bedienen. Und genau da entsteht ein Spannungsfeld: Gute Zahntechnikerinnen und Zahntechniker sind heute eine knappe Ressource. Ihre Erfahrung und ihr handwerkliches Können lassen sich durch keine Maschine ersetzen – genau deshalb sollten sie Zahntechnik machen und nicht Maschinen bedienen.
Outsourcing wäre die logische Lösung – ist aber oft unnötig kompliziert: unterschiedliche Lieferzeiten, komplexe Preisstrukturen und Prozesse, die Raum für Fehler lassen.
Wir haben das bewusst radikal vereinfacht: klare Abläufe, keine Interpretationsspielräume und eine einfache Regel – alles, was bis 18 Uhr eingeht, wird am nächsten Tag versendet. Das verändert den Alltag spürbar. Aus einem komplexen Abstimmungsprozess wird eine verlässliche Routine.
Gab es technische oder produktionstechnische Herausforderungen, die ihr im Entwicklungsprozess bewältigen musstet?
Marcus Kalb: Ja – vor allem der Anspruch, die Fertigung wirklich durchgängig digital und papierlos zu denken.
Viele bestehende Lösungen stoßen genau da an ihre Grenzen. Deshalb haben wir Prozesse, Systeme und auch einzelne Komponenten neu gedacht und dort eigene Wege gewählt, wo Standard nicht ausgereicht hat. Ein Beispiel sind unsere 3D-gedruckten Auftragsschalen mit E-Ink-Displays – kleine digitale Anzeigen, die ohne dauerhaften Stromverbrauch auskommen und den klassischen Auftragszettel ersetzen, die jeden Auftrag durch die Produktion begleiten und papierlos Informationen genau dort verfügbar machen, wo sie gebraucht werden.
Solche Entscheidungen treffen wir bewusst: Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Skalierbarkeit sind für uns keine Nachgedanken, sondern Grundlagen, die man von Anfang an mitdenken muss. Die eigentliche Herausforderung war dabei nicht die einzelne Technologie – sondern alles so miteinander zu verbinden, dass ein stabiler, fehlerfreier Ablauf entsteht.
Gründung und Aufbau
Was waren die wichtigsten Meilensteine auf dem Weg von der Idee zum marktfähigen Unternehmen?
Marcus Kalb: Die ersten Meilensteine waren klassisch: ein tragfähiger Businessplan, die Finanzierung und die ersten eigenen Räume. Danach ging es in die Umsetzung – Aufbau des Online-Portals, Installation der ersten Maschine und die ersten funktionierenden Prozesse. Der entscheidende Moment war, als alles zusammenlief: erste Aufträge, echte Kundinnen und Kunden sowie ein Ablauf, der stabil funktioniert.
Ab da ging es nicht mehr nur um den Aufbau, sondern darum, das System zu festigen und skalierbar zu machen.
Wie habt ihr die Startphase finanziert und welche Rolle spielten dabei Förderprogramme?
Marcus Kalb: Wir haben 2022 gegründet – in einer Phase, in der vieles unsicher war. Kosten sind gestiegen, Lieferketten waren angespannt und Planung war nur eingeschränkt möglich. Die Finanzierung war eine Kombination aus Eigenmitteln, klassischer Finanzierung und Förderprogrammen.
Vor allem das Gründungsstipendium NRW und die RWP-Förderung waren für uns wichtige Bausteine. Das Stipendium hat uns in einer herausfordernden Zeit den nötigen finanziellen Rückhalt gegeben, um uns vollständig auf den Aufbau zu konzentrieren – ohne parallel andere Verpflichtungen jonglieren zu müssen. Genauso wertvoll war das begleitende Coaching, das uns half, unsere Idee strukturiert weiterzuentwickeln.
Die RWP-Förderung hat darüber hinaus die Anschaffung weiterer Maschinen ermöglicht – als Produktionsunternehmen sind die Anfangsinvestitionen hoch, und genau hier hat diese Unterstützung einen entscheidenden Unterschied gemacht. Beide Förderungen haben uns in einer herausfordernden Zeit den nötigen Rückhalt gegeben, um uns auf den Aufbau zu konzentrieren und konsequent an unserer Idee zu arbeiten.
Erfolge und Zukunft
Gab es einen Moment oder ein Feedback, das euch gezeigt hat, dass euer Ansatz einen echten Bedarf im Markt trifft?
Marcus Kalb: Es gab nicht den einen großen Moment – sondern viele kleine.
Schon früh haben Kundinnen und Kunden, Lieferanten und Wegbegleitende angefangen, sich aktiv einzubringen – mit Feedback, Ideen und dem Wunsch, Teil davon zu sein. Gerade in der Anfangszeit im Gründungs- und Technologiezentrum in Solingen war das deutlich spürbar. Menschen haben sich ehrlich gefreut, wenn sie zum Erfolg beitragen konnten.
Und das ist bis heute so. Über die Zeit ist daraus eine starke Gemeinschaft entstanden. Wir sind überzeugt: Genau darin liegt unsere größte Stärke – das gemeinsame Arbeiten.
Wie nehmt ihr die aktuelle Entwicklung der Dentalbranche wahr – vor allem im Hinblick auf Digitalisierung und Automatisierung?
Marcus Kalb: Die Dentalbranche befindet sich mitten im Wandel.
Digitale Prozesse sind heute Standard – CAD, Fräsen und 3D-Druck gehören längst zum Alltag vieler Labore. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Technologie allein nicht ausreicht. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, sie stabil und sinnvoll in den Alltag zu integrieren.
Automatisierung gewinnt deshalb weiter an Bedeutung – auch, weil Fachkräfte fehlen. Trotzdem bleibt Zahntechnik ein Handwerk, das Erfahrung und Individualität braucht.
Was wir zusätzlich beobachten: Die Rolle von Zahntechnikerinnen und Zahntechnikern verändert sich. Neben der reinen Fertigung werden sie immer mehr zu Service- und Beratungspartnerinnen und -partnern für Zahnärztinnen und Zahnärzte – nicht nur bei zahntechnischen Lösungen, sondern auch bei digitalen Workflows, Software und Schnittstellen.
Genau diese Kombination aus Handwerk, Technologieverständnis und Beratung wird in Zukunft ein entscheidender Unterschied sein.
Wo wollt ihr mit Prinoa Dental in drei bis fünf Jahren stehen – plant ihr zusätzliche Leistungen oder neue Märkte?
Marcus Kalb: Unser Ziel ist klar: weiter wachsen – ohne unsere größte Stärke zu verlieren: Verlässlichkeit.
Wir arbeiten kontinuierlich an neuen Produkten und Services, die den Alltag unserer Kundinnen und Kunden weiter vereinfachen. Ein konkreter Schritt ist die Entwicklung einer Same-Day-Delivery-Strategie für ausgewählte Produkte. Parallel dazu denken wir Fertigung neu: dezentral, vernetzt und skalierbar. Geplant sind mehrere Standorte, die intelligent miteinander verbunden sind, um Geschwindigkeit zu erhöhen und gleichzeitig die typischen Nachteile dezentraler Strukturen zu vermeiden.
Unser Anspruch bleibt dabei gleich: Lösungen zu schaffen, die nicht nur technisch funktionieren, sondern sich im Alltag wirklich bewähren.
Tipps für Gründende
Was war bislang die wichtigste Erkenntnis aus eurem Gründungsprozess?
Marcus Kalb: Wenn man eine Idee hat, sollte man sie versuchen.
Wir sind nach wie vor froh, diesen Schritt gegangen zu sein. Nicht, weil alles einfach war – sondern weil wir unglaublich viel Positives erlebt haben und über uns hinausgewachsen sind. Gründen bedeutet, Entscheidungen zu treffen und nicht immer auf Nummer sicher zu gehen. Es bedeutet, die eigenen Grenzen zu verschieben – und nicht im Konjunktiv zu leben.
Am Ende können wir sagen: Wir haben es getan.
Und genau das ist mehr wert als jede Sicherheit, die man sich vorher einreden kann.
Welchen Rat würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern im technologiegetriebenen Umfeld geben?
Marcus Kalb: Nie aufgeben. Der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ist oft nicht die Idee, sondern das Durchhalten. Gleichzeitig darf Durchhalten nicht heißen, stur an einem Plan festzuhalten. Hindernisse gehören dazu – entscheidend ist, sie als Chance zu sehen, besser zu werden, neu zu denken und weiterzuentwickeln.
Und genauso wichtig: Think big.
Wer gründet, sollte den Mut haben, groß zu denken und sich nicht von den ersten Grenzen im Kopf aufhalten zu lassen.
Am Ende gewinnen nicht die, die den leichtesten Weg haben – sondern die, die dranbleiben, lernen und größer denken als das Problem ist.
Weitere Information:
Vom Blind Spot zum Branchenstandard: über 5 Millionen Euro Kapital für Logistikbude
Die aktuelle Finanzierungsrunde ist auch ein starkes Signal für den Standort NRW: Sie zeigt, dass sich hier erfolgreiche Start-ups entwickeln und am Markt durchsetzen können.