Interview mit Lara Nawrath von bluvero GmbH

bluvero ist ein Start-up aus Aachen, das sich mit der Digitalisierung von praktischem Arbeitswissen beschäftigt. Ziel ist es, Erfahrungen und Abläufe aus dem Arbeitsalltag – etwa in Produktion oder Handwerk – systematisch zu erfassen und zugänglich zu machen. Dafür werden Inhalte wie Sprachaufnahmen, Text, Fotos oder Videos mithilfe von KI strukturiert und in einer Plattform bereitgestellt. So können Unternehmen Wissen dokumentieren und intern weitergeben, das sonst oft nur informell vorhanden ist.

Idee und Motivation

Was hat euch dazu bewogen, euch mit der Digitalisierung von praktischem Arbeitswissen zu beschäftigen?

Lara Nawrath: Marius hat im GoetheLab for Additive Manufacturing gearbeitet und dabei im Austausch mit Industriepartnern schnell erkannt, wie wichtig die Sicherung und Weitergabe von Wissen ist – ein Thema, das bislang nur von wenigen aktiv angegangen wird. In seiner Masterarbeit hat er sich intensiv damit beschäftigt und sich auch darüber hinaus diesem Themenfeld gewidmet. 

Warum habt ihr euch entschieden, bluvero in NRW zu gründen? Welche Vorteile bietet euch der Standort?

Lara Nawrath: Wir haben alle an der FH Aachen studiert und uns auch dort kennengelernt. Für uns lag es also nahe, am Anfang der Gründung die Angebote und Ressourcen der Aachener Gründungscommunity zu nutzen. Zusätzlich ist NRW für uns ein idealer Standort aufgrund der Vielzahl an kleinen und mittelständischen Industrie- und Handwerksunternehmen. 

 

Technologie und Innovation

Wie funktioniert eure Plattform konkret, und welche Rolle spielt KI bei der Aufbereitung der Inhalte?

Lara Nawrath: Unsere Plattform bietet Unternehmen eine eigene interne Wissensdatenbank. Durch Sprachaufnahmen oder Texte sowie unterstützende Bilder oder Videos können Arbeitsabläufe intuitiv und im laufenden Betrieb dokumentiert werden. Dabei starten die Mitarbeitenden entweder bei Null oder werden durch ein Formular unterstützt. Danach wird das Wissen zu sogenannten Modulen aufbereitet. Hier kommt die KI unterstützend ins Spiel. Nach der Freigabe kann das Wissen im nächsten Schritt genutzt werden, um Fragen zu klären, die Einarbeitung zu erleichtern oder aber auch Schulungen wie z. B. Sicherheitsunterweisungen durchzuführen. Die Module können in der App durchsucht werden oder durch QR-Codes, die z. B. an Maschinen angebracht sind, aufgerufen werden. 

Was unterscheidet euren Ansatz von klassischen Wissensmanagement-Tools?

Lara Nawrath: Unsere Lösung ist speziell auf Unternehmen in Produktion, Handwerk und Industrie ausgerichtet. Mitarbeitende können die App während der Arbeit - auf Montage, in der Fertigung oder an der Maschine - ohne erforderliches technisches Know-how bedienen. Wir sind im engen Kontakt mit unserer Zielgruppe, um bluvero zu testen und nach deren Bedürfnissen weiter zu optimieren.

Mit welchen Herausforderungen wart ihr bei der Entwicklung konfrontiert – und wie habt ihr diese gelöst?

Lara Nawrath: Unsere größte Herausforderung sind unsere begrenzten personellen Ressourcen. Wir würden gerne schneller neue Features veröffentlichen und bluvero weiterentwickeln, allerdings sind wir ein kleines Team und unsere Zeit ist begrenzt. Uns ist es wichtig, unsere Sicherheitsstandards einzuhalten und sicherzustellen, dass die Features wirklich funktionieren und einen Mehrwert liefern. Das erfordert oft mehrere Tests und Iterationen, bevor wir etwas Neues veröffentlichen. Gerade deswegen ist es besonders wichtig, Aufgaben und Ideen richtig zu priorisieren. Dabei hilft uns der Kontakt mit der Zielgruppe, deren Bedürfnisse strukturiert zu erfassen und als Entscheidungsgrundlage zu nutzen.

Wo stößt KI bei der Verarbeitung von praktischem Wissen aktuell noch an Grenzen?

Lara Nawrath: Eine Hürde bei der Nutzung von KI ist der Datenschutz. Da wir unsere Plattform datenschutzkonform entwickeln, können wir nicht jede beliebige KI-Anwendung integrieren und einsetzen. Gleichzeitig ist die Verarbeitung von Bild- und insbesondere Videomaterial nicht so weit vorgeschritten wie die von Text. 

 

Gründung und Aufbau

Wie verlief euer Weg von der Idee zur Gründung?

Lara Nawrath: Julian und ich sind erst später dazugestoßen, nachdem Marius schon die Idee zu bluvero hatte. Julian hat sich dann direkt auf die Entwicklung fokussiert, während Marius und ich verschiedene Programme wie Inkubatoren sowie Acceleratoren zur Unterstützung durchlaufen haben. Es ist wirklich super wertvoll, wie viel Unterstützung für Start-ups man in Aachen, aber auch in ganz NRW finden kann. 

Irgendwann war dann der Zeitpunkt erreicht, an dem eine erste Version der Plattform vorlag und wir bereits viel Kontakt mit Unternehmen hatten. Uns war zwar bewusst, dass es noch dauern würde, bis wir tatsächlich Einnahmen generieren, dennoch wollten wir als eigenständiges Unternehmen wahrgenommen werden. Nachdem wir alle Einzelheiten bezüglich unseres Gesellschaftervertrags geklärt hatten, gründeten wir im Sommer 2025 eine GmbH. 

Wie habt ihr eure Finanzierung aufgestellt? Gab es Unterstützung durch Förderprogramme?

Lara Nawrath: Am Anfang haben wir verschiedene kleinere Projekte durchlaufen, wie beispielsweise KickStart@FH zum Prototypenbau oder curricular verankerte Projekte gemeinsam mit Studierenden an der FH Aachen beziehungsweise im Gründungszentrum der FH Aachen.

Im Oktober 2024 startete dann unsere Förderung über Start-up Transfer.NRW. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten wir noch unter dem Projektnamen „HeyApps“. Durch die Landesförderung konnten wir uns in Vollzeit auf unsere Gründung fokussieren, da wir offiziell an der FH Aachen zur Durchführung unseres Projekts angestellt wurden und zudem ein Budget für Sachmittel und Dienstreisen zur Verfügung hatten. Für uns ideal, um bluvero weiterzuentwickeln, ohne uns Sorgen um unseren Lebensunterhalt machen zu müssen. Zusätzlich konnten wir weiterhin die unterstützenden Angebote des Gründungszentrums der FH Aachen sowie des digitalHUB Aachen nutzen, etwa Coaching, Veranstaltungen oder Co-Working.

 

Erfolge und Zukunft

Auf welchen Erfolg seid ihr besonders stolz?

Lara Nawrath: Wir sind nicht auf einen einzelnen Moment besonders stolz, sondern darauf, dass wir immer wieder positives Feedback zu unserer Idee und deren Umsetzung erhalten. Wir freuen uns, mit bluvero einen echten Mehrwert zu schaffen, indem wir ein konkretes Problem lösen und Unternehmen spürbar entlasten.

Wie könnte sich der Umgang mit Wissen in Unternehmen in den nächsten 5–10 Jahren verändern – und wie ordnet ihr bluvero in diese Entwicklung ein?

Lara Nawrath: Vor allem in KMU wird voraussichtlich immer mehr Wissen durch den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel verloren gehen. Viele erfahrene Mitarbeitende gehen in Rente und die Erfahrung mit ihnen. Hier möchten wir mit bluvero ansetzen und den Verlust von Wissen verhindern. 

 

Tipps für Gründer

Was war die wichtigste Lektion, die ihr als Gründende gelernt habt?

Lara Nawrath: Auch wenn das jeder sagt, mussten wir es trotzdem am eigenen Leib erfahren: Kontakt mit der Zielgruppe. Man meint schnell, wenn man sich viel mit einem Problem beschäftigt, dass man die Lösung kennt und weiß, was gebraucht wird. Der Kontakt mit Anwenderinnen und Anwendern sowie ein Blick über den eigenen Tellerrand hinaus helfen jedoch enorm. 

Welche Ratschläge würdet ihr anderen Gründenden mitgeben?

Lara Nawrath: Ich kann mich nur wiederholen: bleibt im Austausch mit der Zielgruppe und vernachlässigt den Vertrieb nicht. Bleibt flexibel und bringt Durchhaltevermögen sowie Resilienz mit. Nutzt die Programme und Angebote, die sich für Start-ups bieten und baut euch ein breites Netzwerk auf. Unterschätzt nie die Stärke eines Teams, vor allem, wenn es interdisziplinär aufgestellt ist. Meistens kann man früher oder später nicht alles allein machen und ein starkes Team an der Seite ist essenziell. 

Weitere Informationen:

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