©Bildquelle: Andreas Molatta
v.l.n.r.: Melanie Hagen, Thomas Vollstädt
Interview mit Melanie Hagen und Thomas Vollstädt von Roadstory
Einfach losgehen und die Umgebung auf eigene Faust entdecken, ganz ohne vorher auf Google Maps zu recherchieren oder sich einer Reisegruppe anzuschließen. Das ist die Idee hinter Roadstory, einem Travel-Tech-Start-up aus Bochum. Die App spielt GPS-basierte Audioinhalte automatisch ab, sobald man einen interessanten Ort erreicht – egal ob zu Fuß, auf dem Rad oder im Auto. So wird der Audioguide vom „Museumsgerät" zur alltagstauglichen Reisebegleitung für draußen. Wie aus einer Pilotregion ein skalierbares Geschäftsmodell werden soll, was GPS-Audioguides von Google Maps und KI-Chatbots unterscheidet und wo die größten Hürden liegen, darüber haben wir mit dem Gründungsteam gesprochen.
Idee und Motivation
Was hat euch dazu bewegt, Roadstory zu gründen?
Melanie Hagen: Für mich war Reisen schon immer mehr als Urlaub. Reisen bildet, macht neugierig und ist für mich der schönste Weg, andere Kulturen kennenzulernen. Gleichzeitig habe ich mein ganzes Berufsleben in der IT verbracht und habe einen Faible für Digitales.
Bei Roadstory treibt mich an, dass wir Reisen und IT verbinden. Unsere Nutzerinnen und Nutzer können auf Reisen mehr entdecken und ihren Urlaubsort wirklich kennenlernen. Dafür brauchen sie nur eine Tour auf dem Handy zu starten.
Thomas Vollstädt: Bei mir war der Auslöser ganz praktisch und kommt aus dem Familienalltag. Wenn wir verreisen, fällt uns im Hotel schnell die Decke auf den Kopf. Mit Kindern kommt dazu, dass starre Gruppenführungen oder feste Tourzeiten kaum funktionieren.
Als Entwickler hat mich gereizt, dass genau das technisch machbar ist: GPS, Automatisierung und Sprachausgabe so zu verbinden, dass die Inhalte im richtigen Moment von selbst starten. Aus diesem Alltagsproblem ist für mich der technische Kern von Roadstory entstanden.
Welche Rolle spielt Nordrhein-Westfalen für die Entwicklung von Roadstory Audio – beispielsweise im Hinblick auf Netzwerke, Kooperationen oder Förderangebote?
Melanie Hagen: Nordrhein-Westfalen ist für Roadstory weit mehr als nur ein Firmensitz. Das Ruhrgebiet war von Anfang an unsere Pilotregion. Hier konnten wir die App unter realen Bedingungen testen, bevor wir mit dem Vertrieb in andere Regionen gegangen sind.
Besonders wertvoll sind die Kooperationen vor Ort. Wir arbeiten im Ruhrgebiet mit den Städten Essen, Bochum und Bottrop zusammen. Das Märkische Sauerland war die erste Region, die das Sponsoring der lokalen Touren übernommen hat, damit Besucherinnen und Besucher das Angebot kostenlos nutzen können. Diese Referenzen aus der Region sind für uns die Basis, um auch überregional Vertrauen aufzubauen.
Auf der Förderseite ist NRW für uns in der frühen Phase entscheidend. Das Gründungsstipendium.NRW sichert uns in der Anfangszeit den Lebensunterhalt und damit den Freiraum, uns voll auf den Aufbau von Roadstory zu konzentrieren. Ergänzend nehmen wir seit Ende 2025 am Inkubator WerkX teil. In Summe ist NRW also eine tolle Starthilfe aus regionalen Kundinnen und Kunden sowie Förderangeboten.
Technologie und Innovation
Wie entstand die Idee zu Roadstory Audio – und wie habt ihr daraus eine funktionierende GPS-basierte Audio-App entwickelt?
Melanie Hagen: Die Inspiration zu Roadstory habe ich aus einem USA-Urlaub mitgebracht: In den Nationalparks gibt es ähnliche Apps, die GPS-gestützte Roadtrips anbieten. „Das brauchen wir auch für Europa“, dachte ich mir. Nachdem ich wie verrückt für die Toskana gesucht und nichts gefunden habe, wusste ich: da gibt es eine Lücke in Europa. Inzwischen verstehen wir allerdings auch, was die Umsetzung in Europa so viel schwerer macht als die Umsetzung in einem US-Nationalpark.
Thomas Vollstädt: Anders als in einem US-Nationalpark gibt es nämlich in europäischen Städten enge, verwinkelte Altstädte, Sehenswürdigkeiten, die dicht beieinander liegen und unterschiedlichste Fortbewegungsmittel. Die Anforderungen an das GPS sind also ganz andere.
Welche technologischen oder inhaltlichen Herausforderungen gab es bei der Entwicklung der App – etwa bei der Standorterkennung oder der Erstellung regionaler Inhalte?
Thomas Vollstädt: Zunächst wollten wir die technische Machbarkeit verproben und haben in wenigen Tagen einen lauffähigen Prototyp auf die Beine gestellt. Der war noch Excel-basiert und mit viel Handarbeit. Bis die Standorterkennung zuverlässig funktioniert hat, hat es einige Wochen gedauert. Die Herausforderung war, dass wir eine zuverlässige Erkennung auf iOS und Android sicherstellen wollten, wenn die App nicht im Vordergrund läuft. Nach einigen Monaten war der Knoten aber geplatzt und wir konnten uns voll auf die Erstellung der Inhalte konzentrieren. Hier arbeiten wir gerade Schritt für Schritt an der Automatisierung.
Melanie Hagen: Während Thomas die technische Seite gelöst hat, lag meine Herausforderung auf der inhaltlichen Seite. Eine GPS-Audio-App steht und fällt mit der Qualität ihrer Inhalte. Reine KI-Texte reichen dafür nicht aus. Sie klingen schnell generisch, manchmal stimmen Fakten nicht und vor allem fehlen die Geheimtipps und lokalen Anekdoten, die einen Ort wirklich lebendig machen. Genau diese Geschichten sind aber der Grund, warum jemand eine Tour hören möchte.
Unser Ansatz ist deshalb eine Kombination aus Automatisierung und lokaler Kuratierung. Die KI erstellt einen ersten Entwurf und liefert die Struktur, aber die fachliche Tiefe und die regionalen Besonderheiten kommen von Menschen, die die Gegend wirklich kennen.
Heute steckt in der Kuratierung einer Tour noch viel manueller Aufwand. Genau hier setzt unsere weitere Entwicklung an.
Wie sorgt ihr dafür, dass die Nutzerinnen und Nutzer unterwegs ein möglichst immersives und intuitives Erlebnis haben?
Melanie Hagen: Für uns hängen intuitiv und immersiv eng zusammen, aber wir sind beide Themen sehr unterschiedlich angegangen.
Intuitiv ist die App vor allem deshalb geworden, weil wir in den Tests bewusst auf jede Anleitung verzichtet haben. Kein einziger Tester hat eine Erklärung bekommen, alle mussten allein zurechtkommen. Am Anfang ging dabei natürlich einiges schief, manche haben die Tour nicht gefunden, andere nicht verstanden, wann der Inhalt startet. Aber genau diese Stolperstellen waren Gold wert: Sie haben uns gezeigt, wo die App noch nicht selbsterklärend war. Wir haben sie Schritt für Schritt so angepasst, dass man sie heute sofort versteht, ohne dass es ein Tutorial oder eine Bedienungsanleitung braucht.
Immersiv wird das Erlebnis durch die Kombination aus zwei Ebenen. Auf der einen Seite steht das, was vor Ort passiert: sehen, fühlen, anfassen, die Atmosphäre eines Ortes ganz unmittelbar erleben. Die andere Ebene entsteht durch den Audioguide – also durch Geschichten, Kontext und Anekdoten zu genau dem Ort, an dem man gerade steht. Erst dieses Zusammenspiel macht den Unterschied. Eine Geschichte über ein Gebäude zu hören, während man direkt davorsteht, fühlt sich völlig anders an, als sie vorher irgendwo zu lesen.
Gründung und Aufbau
Wie habt ihr die Anfangsphase eures Start-ups finanziert? Welche Rolle spielten dabei Förderprogramme, Eigenmittel oder erste Partnerschaften?
Thomas Vollstädt: Da wir alle wichtigen Kompetenzen im Team vereinen konnten, haben wir vollständig „bootstrapped“, also eigenfinanziert gestartet. Dennoch haben uns Förderprogramme wie das Gründungsstipendium.NRW sehr weitergeholfen, um erste strategische und auch finanzielle Herausforderungen zu meistern. Hervorzuheben ist neben dem Gründungsstipendium.NRW der Start-up-Inkubator „WerkX“ der Bochumer Wirtschaftsentwicklung, welcher uns über 6 Monate einen Arbeitsplatz, Netzwerk, Expertise und finanzielle Unterstützung geboten hat. Danke an dieser Stelle an die Teams vom Gründungsstipendium.NRW und WerkX!
Melanie Hagen: Wir freuen uns auch sehr über den Go-to-Market Gutschein, der vom Land NRW und der Europäischen Union getragen wird. Er wird uns helfen, die Automatisierung der Tourenerstellung weiter voran zu treiben.
Welche Bedeutung haben regionale Kooperationen – beispielsweise mit Städten oder Tourismusorganisationen – für euer Geschäftsmodell?
Melanie Hagen: Regionale Kooperationen sind aktuell das Fundament unseres Geschäftsmodells.
Unsere wichtigsten Partner sind Destinationen, also Städte, Regionen und Tourismusorganisationen. Sie sind für uns gleich doppelt wertvoll: als zahlende Kunden und als Multiplikatoren. Denn sie verfügen bereits über etablierte Kanäle wie Tourist-Information, Website und Social Media, über die Roadstory glaubwürdig zu den Reisenden kommt. Eine Empfehlung der lokalen Tourismusorganisation wirkt deutlich vertrauenswürdiger als jede Anzeige.
Erfolge und Zukunft
Auf welchen Erfolg seid ihr besonders stolz?
Melanie Hagen: Wir haben es geschafft, innerhalb von 72 Stunden nach unserem Launch im November in den verschiedenen App Stores in der Rubrik Travel in die Top 10 zu kommen.
Thomas Vollstädt: Wir helfen als enger Partner dabei, dass es in Essen nach vielen Jahren wieder Busrundfahrten gibt! Dort bekommt mithilfe unserer App jeder Interessierte die Geschichte und Fakten der Stadt „auf die Ohren“.
Welche Regionen oder Anwendungsbereiche möchtet ihr künftig mit Roadstory erschließen?
Melanie Hagen: Geografisch gehen wir Schritt für Schritt vor: zunächst Deutschland, danach gezielt europäische Kernmärkte wie Spanien oder Italien. Der Schlüssel dafür ist Mehrsprachigkeit. Über unsere KI-gestützte Tourenerstellung können wir Inhalte in mehreren Sprachen produzieren, ohne dass der Aufwand pro Sprache linear mitwächst.
Perspektivisch sehen wir großes Potenzial in der Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern, Hotels und Erlebnisanbietern, die ihren Gästen kuratierte Touren als digitales Zusatzprodukt anbieten. Und langfristig glauben wir fest an das B2C-Modell: wir möchten, dass Reisende Touren und ganze Regionen direkt in der App kaufen können. Damit können wir dann auch Regionen wirtschaftlich abdecken, in denen ein B2B-Partner vielleicht fehlt.
Wie stellt ihr euch die Zukunft des Reisens vor – und welche Rolle könnten Audio-, KI- und Standorttechnologien dabei in den kommenden Jahren spielen?
Melanie Hagen: Wir sehen für die Zukunft des Reisens sehr unterschiedliche Entwicklungen – je nach Zielgruppe. Auf der einen Seite stehen Reisende, die ganz bewusst digital detox betreiben und das Menschliche, Analoge suchen, etwa den Kochkurs bei der italienischen Nonna oder das Gespräch mit Einheimischen. Auf der anderen Seite gibt es Reisende, die ganz selbstverständlich digital unterwegs sind und genau dort Mehrwert erwarten. Für diese Gruppe sind wir mit Roadstory da. Beide Wege haben ihre Berechtigung, und wir glauben nicht, dass das eine das andere verdrängt.
Innerhalb des digitalen Reisens werden Audio-, KI- und Standorttechnologien den größten Unterschied machen. Unsere Vision sind ad-hoc Audioguides, die nicht nur ortsgenau sind, sondern auch perfekt auf die individuellen Vorlieben der einzelnen Person zugeschnitten. Wer sich für Architektur begeistert, hört andere Geschichten als jemand, der mit Kindern unterwegs ist oder sich für die Industriegeschichte einer Region interessiert.
Thomas Vollstädt: Bis es so weit ist, sind allerdings noch handfeste technische Hürden zu nehmen. Zwei davon beschäftigen uns aktuell besonders: Zum einen die Halluzination bei GPS-Koordinaten, also dass KI-Modelle Orte falsch verorten, was bei einer standortbasierten App natürlich kritisch ist. Und zum anderen die noch zu langen Generierungszeiten bei der Sprachausgabe, gerade wenn Inhalte für die Offline-Nutzung im Voraus vertont werden müssen. Genau an solchen Themen arbeiten wir, und sie zeigen auch, dass die spannendsten Entwicklungen in diesem Feld noch vor uns liegen.
Tipps für Gründende
Was war bislang eure wichtigste Erkenntnis aus dem Aufbau eines Travel-Tech- beziehungsweise Audio-Start-ups?
Thomas Vollstädt: Touristikunternehmen, vor allem im Städtischen Umfeld, können sehr lange Entscheidungszeiträume haben. Hier sollte man sich seiner Zielgruppe sehr bewusst ein.
Welche Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern geben, die digitale Produkte im Bereich Tourismus oder Mobility entwickeln möchten?
Thomas Vollstädt: Validiert eure Idee zunächst im kleineren Kreis, zum Beispiel über Social-Media-Umfragen oder eine Website. Erst dann solltet ihr mehr Zeit in Prototyp- und Produktentwicklung stecken. Holt euch möglichst früh viel Feedback ein und rechnet damit, dass ihr eure Idee beziehungsweise euer Produkt noch weiterentwickelt, bis es marktreif ist. Es ist ein Marathon, kein Sprint!
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