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Kathrin Schumilin
Interview mit Kathrin Schumilin von Mangolade
Mangolade ist eine Ausgründung der Universität Bonn, die innovative Lösungen im Bereich Food Upcycling entwickelt. Durch die Verwertung bislang ungenutzter Mango-Nebenprodukte entstehen nachhaltige Lebensmittelzutaten, die Lebensmittelverluste reduzieren und Ressourcen effizient nutzen. Das Unternehmen verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit nachhaltigem Unternehmertum und leistet einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft.
Idee und Motivation
Was hat euch dazu bewegt, Mangolade zu gründen?
Kathrin Schumilin: Während meines Studiums hat mich fasziniert, wie selbstverständlich bei der Lebensmittelverarbeitung große Mengen wertvoller Nebenströme entstehen, also Reststoffe, die bei der Gewinnung des Hauptprodukts zwangsläufig anfallen, die aber kaum genutzt werden. Unser Lebensmittelsystem ist darauf ausgerichtet, das Hauptprodukt möglichst effizient zu nutzen – vieles, was darüber hinaus anfällt, gerät dabei schnell aus dem Blick. Dabei stecken gerade in diesen Nebenströmen oft noch wertvolle Inhaltsstoffe und enormes Potenzial.
Gleichzeitig wird viel über Lebensmittelverschwendung, Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Ernährung diskutiert. Doch wissenschaftliche Erkenntnisse allein verändern noch kein Ernährungssystem. Erst wenn sie ihren Weg in Produkte finden, die Menschen im Alltag tatsächlich nutzen, können sie ihr Potenzial entfalten. Genau deshalb ist Mangolade für uns mehr als die Entwicklung einer neuen Lebensmittelzutat. Wir möchten zeigen, dass sich bestehende Ressourcen neu denken lassen und so einen Beitrag zu einem ressourcenschonenderen Lebensmittelsystem leisten.
Welche Bedeutung hat Nordrhein-Westfalen für die Entwicklung von Mangolade – etwa durch Netzwerke, Kooperationen oder Förderprogramme?
Kathrin Schumilin: Die Idee entstand während meines Studiums der Molekularen Lebensmitteltechnologie, insbesondere durch die Vorlesungen von Prof. Andreas Schieber. Ohne Prof. Andreas Schieber gäbe es Mangolade in dieser Form wahrscheinlich nicht. Er hat mich nicht nur fachlich geprägt, sondern auch meinen Blick auf Lebensmittel und ihre Wertschöpfung nachhaltig verändert. Seine Begeisterung für das Thema war ansteckend und hat den Grundstein für die Idee gelegt, das Potenzial dieser Nebenströme auch außerhalb der Forschung nutzbar zu machen.
Ein wichtiger nächster Schritt war die exist Women Förderung vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE). Es hat uns die ersten Ressourcen und die unternehmerische Unterstützung gegeben, um aus dieser Forschungsidee Mangolade aufzubauen.
Darüber hinaus hat uns Nordrhein-Westfalen mit seinem starken Gründungsökosystem auf unserem Weg begleitet. Besonders gefreut hat uns der zweite Platz beim NRW Female Innovation Award 2025 – eine Auszeichnung, die uns gezeigt hat, dass unser Ansatz auch über die Wissenschaft hinaus auf großes Interesse stößt.
Technologie und Innovation
Wie entstand die Idee zu Mangolade –und wie wurde aus Mango-Nebenprodukten eine nachhaltige Zutat für die Lebensmittelindustrie?
Kathrin Schumilin: Viele Ansätze im Upcycling konzentrieren sich auf den Nachhaltigkeitsaspekt. Uns hat dagegen interessiert, welche technologischen Eigenschaften Mangokerne besitzen und welchen eigenständigen Mehrwert sie für Lebensmittel bieten können.
Im Laufe unserer Forschung wurde deutlich, dass Mangokerne Inhaltsstoffe mitbringen, die sie für verschiedene Anwendungen interessant machen. Heute entwickeln wir daraus funktionelle Zutaten, die beispielsweise zur teilweisen oder vollständigen Substitution von Kakao eingesetzt werden können und gleichzeitig ernährungsphysiologische sowie technologische Vorteile bieten.
Welche Herausforderungen gab es bei der Entwicklung eurer Upcycling-Lösung?
Kathrin Schumilin: Die größte Herausforderung besteht darin, dass man nicht nur ein neues Produkt entwickelt, sondern gleichzeitig eine neue Lieferkette aufbauen muss.
Mangokerne fallen dezentral bei verschiedenen Verarbeitern an und unterscheiden sich je nach Herkunft, Sorte und Verarbeitung. Deshalb beschäftigen wir uns parallel mit der Rohstoffversorgung, der Standardisierung der Verarbeitung und der Produktentwicklung. Erst wenn alle drei Bereiche im Zusammenspiel funktionieren, kann eine zirkuläre Wertschöpfungskette entstehen.
Gründung und Aufbau
Welche Rolle spielten Förderprogramme auf eurem Weg von der Idee bis zur Unternehmensgründung?
Kathrin Schumilin: Förderprogramme wie exist Women, EIT Food Seedbed, der MassChallenge Accelerator und der UnternehmerTUM Accelerator haben uns vor allem den Freiraum gegeben, unsere Technologie weiterzuentwickeln und Annahmen zu überprüfen, bevor wir große unternehmerische Entscheidungen treffen mussten. Gerade in der frühen Phase ist es enorm wertvoll, wissenschaftliche Erkenntnisse zu validieren, mit potenziellen Industriepartnern zu sprechen und die Anforderungen des Marktes besser zu verstehen. Das hat uns geholfen, unseren Fokus zu schärfen.
Mindestens genauso wertvoll waren jedoch die Netzwerke, die mit den Programmen verbunden sind. Der Austausch mit Mentoren, Industriepartnern und anderen Gründungsteams hat unsere Entwicklung beschleunigt und uns geholfen, typische Fehler frühzeitig zu erkennen.
Wie wichtig sind Partnerschaften mit Forschungseinrichtungen, der Lebensmittelindustrie und Akteuren entlang der Lieferkette für euer Geschäftsmodell?
Kathrin Schumilin: Sie sind essenziell.
Im Vordergrund steht für uns nicht die Entwicklung eines Produkts, das nur im Labor funktioniert, sondern eine Lebensmittelzutat, die in industriellen Produktionsprozessen der Industrie tatsächlich eingesetzt werden kann. Deshalb arbeiten wir eng mit Forschungseinrichtungen zusammen, um unsere Prozesse wissenschaftlich zu begleiten, und gleichzeitig mit Unternehmen aus der Lebensmittelindustrie, um Anwendungen unter realen Produktionsbedingungen zu validieren.
Dabei ist die Wahl der richtigen Partner entscheidend. Nicht jede Zusammenarbeit ist zielführend. Entscheidend ist, dass beide Seiten ein gemeinsames Interesse haben und bereit sind, Zeit und Ressourcen zu investieren.
Erfolge und Zukunft
Auf welchen Erfolg seid ihr besonders stolz?
Kathrin Schumilin: Besonders stolz sind wir darauf, dass aus einer Idee inzwischen ein konkretes FoodTech-Start-up geworden ist. Wir konnten bereits erste funktionelle Prototypen entwickeln, Auszeichnungen gewinnen und internationale Accelerator-Programme durchlaufen. Diese Meilensteine bedeuten uns sehr viel.
Der größte Erfolg ist für uns jedoch die Bereitschaft von Unternehmen, gemeinsam mit uns an konkreten Anwendungen zu arbeiten und dabei ihre Zeit, ihre Expertise und ihre Ressourcen einzubringen. Das zeigt, dass man nicht nur eine interessante Idee hat, sondern ein reales Problem adressiert.
Welche nächsten Entwicklungsschritte plant ihr für Mangolade?
Kathrin Schumilin: Unser Fokus liegt jetzt ganz klar auf der Validierung unter industriellen Bedingungen. Im Labor funktionieren viele Dinge. Entscheidend ist, dass sie auch in bestehenden Produktionsprozessen funktionieren und wirtschaftlich attraktiv sind.
Gleichzeitig möchten wir unsere Lieferkette weiter absichern. Denn am Ende müssen Technologie, Rohstoffversorgung und Markt ineinandergreifen, um den nächsten Schritt in Richtung Markteinführung zu gehen.
Tipps für Gründerinnen und Gründer
Was war bislang eure wichtigste Erkenntnis aus dem Aufbau eines FoodTech-Start-ups?
Kathrin Schumilin: Technologie allein reicht nicht aus. Genauso wichtig ist es, früh mit potenziellen Kunden zu sprechen und die gesamte Wertschöpfungskette mitzudenken. Viele Annahmen lassen sich nur im Austausch mit Industriepartnern überprüfen. Man muss sehr früh verstehen, welches konkrete Problem man löst, für wen man es löst und warum jemand bereit sein sollte, dafür zu bezahlen. Je früher man Feedback einholt, desto schneller lernt man, worauf es wirklich ankommt.
Welche Tipps würdet ihr anderen geben, die im Bereich nachhaltige Lebensmittelinnovation gründen wollen?
Kathrin Schumilin: Die wichtigste Erkenntnis ist vielleicht, dass es nicht darum geht, von Anfang an die richtige Antwort zu haben. Viel wichtiger ist es, die richtigen Fragen zu stellen und bereit zu sein, die eigenen Annahmen immer wieder zu hinterfragen. Eine gute Idee entwickelt sich erst im Austausch weiter - durch ein tiefes Verständnis des Problems und den kontinuierlichen Dialog mit unterschiedlichen Perspektiven. Nachhaltigkeit ist dabei ein wichtiger Antrieb, langfristig überzeugen Lösungen aber nur, wenn sie auch wirtschaftlich tragfähig und im Alltag funktionieren.
Gleichzeitig lohnt es sich, früh ein starkes Netzwerk aufzubauen. Gerade im Upcycling-Bereich ist man auf bestehende Nebenströme und die Zusammenarbeit mit Partnern entlang der gesamten Wertschöpfungskette angewiesen. Innovation entsteht hier selten im Alleingang. Umso wertvoller ist der Austausch mit Menschen, die ähnliche Herausforderungen bereits gemeistert haben. Offenheit, Zusammenarbeit und die Bereitschaft, voneinander zu lernen, können viele Umwege ersparen und sind oft genauso wichtig wie die eigentliche Technologie.
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