Interview mit Alicia Reimer von der Alon Akademie

Viele Kinder und Jugendliche lernen kaum, wie sie eigene Ideen selbst in die Tat umsetzen können. Die Alon Akademie in Wesel schafft dafür Orte, in denen junge Menschen ohne Notendruck bauen, programmieren und gestalten – und dabei lernen, wie Unternehmerinnen und Unternehmer zu denken: neugierig, mutig und mit Freude am Scheitern. Im Interview spricht Mitgründerin Alicia Reimer über die Idee hinter der Alon Akademie, die Herausforderungen beim Aufbau eines gemeinnützigen Bildungsprojekts und ihre Vision einer neuen Art von Zukunftsbildung. 

Idee und Motivation

Wie entstand die Idee zur Alon Akademie – und welches Problem in der Bildung von Kindern und Jugendlichen wolltet ihr damit lösen?

Alicia Reimer: Die Grundidee war eigentlich relativ einfach: Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit damit, Wissen aufzunehmen, Anforderungen zu erfüllen und herauszufinden, wie sie in bestehenden Strukturen gut zurechtkommen. Dabei bleibt manchmal wenig Raum dafür, einfach etwas Verrücktes auszuprobieren, kreativ zu denken oder einer eigenen Idee zu folgen, ohne vorher zu wissen, ob sie funktioniert. Genau diesen Raum wollen wir bei Alon schaffen – sowohl in unserem Makerspace als auch gemeinsam mit Schulen, über die viele Kinder und Jugendliche erstmals mit unseren Angeboten in Berührung kommen. Sie sollen erleben: Ich kann selbst etwas gestalten. Meine Idee ist etwas wert. Und ich kann Dinge lernen, die ich vorher noch nicht konnte. Uns geht es dabei vor allem um Selbstwirksamkeit und den Mut, einfach anzufangen. Denn wenn junge Menschen früh erleben, dass sie Dinge verändern und ihre eigenen Ideen Wirklichkeit werden lassen können, nehmen sie dieses Gefühl auch mit in ihr weiteres Leben. Und vielleicht entsteht genau daraus langfristig auch eine Gesellschaft, in der mehr Menschen an sich selbst und aneinander glauben und gemeinsam Dinge möglich machen, die vorher vielleicht undenkbar wirkten.

Was hat euch motiviert, eure Erfahrungen aus Start-ups, Pädagogik und Führungskräfteentwicklung zu bündeln und ein Bildungsprojekt für Kinder zu gründen?

Alicia Reimer: Wir kommen alle aus unterschiedlichen Bereichen und haben irgendwann gemerkt, dass sich viele Dinge, die im Berufsleben später extrem wichtig werden, eigentlich schon viel früher fördern lassen: Kreativität, Eigeninitiative, Zusammenarbeit, Problemlösung und der Umgang damit, wenn etwas nicht direkt funktioniert. In der Start-up-Welt ist es völlig normal, eine Idee erst einmal zu testen, festzustellen, dass sie vielleicht noch nicht funktioniert, und sie dann weiterzuentwickeln. Genau diese Haltung wollten wir Kindern und Jugendlichen früh mitgeben. Und ehrlich gesagt fanden wir auch den Gedanken schön, nicht erst bei Erwachsenen anzusetzen, wenn bestimmte Denkweisen schon sehr gefestigt sind, sondern jungen Menschen möglichst früh zu zeigen, was alles in ihnen stecken kann.

Warum habt ihr euch entschieden, die Alon Akademie in NRW aufzubauen, und welche Rolle hat die Zusammenarbeit mit der Stadt Wesel und lokalen Partnern für euren Start gespielt?

Alicia Reimer: Wesel ist die Heimat von zwei der drei Gründerinnen bzw. Gründer aus unserem Team und gleichzeitig eine Stadt, in der es unglaublich viele engagierte Menschen und Organisationen gibt. Für uns war deshalb relativ schnell klar, dass Wesel der richtige Ort ist, um unseren Ansatz zunächst aufzubauen, auszuprobieren und gemeinsam mit den Menschen vor Ort weiterzuentwickeln – mit der Perspektive, daraus später auch ein Konzept für andere Städte zu schaffen. Wir wollten etwas umsetzen, das gemeinsam mit den Menschen entsteht, die hier schon lange mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. 

Die Zusammenarbeit mit Schulen, der Stadt, sozialen Organisationen, Unternehmen und vielen einzelnen Unterstützerinnen und Unterstützern war gerade am Anfang enorm wichtig. Ohne dieses Netzwerk hätten wir vieles nicht so schnell ausprobieren und aufbauen können. Für mich ist das mittlerweile auch eine der wichtigsten Erkenntnisse: So ein Ort entsteht nicht alleine. Man braucht Menschen, die sagen: „Die Idee finde ich gut, lass uns schauen, wie wir sie möglich machen.“

 

Technologie und Innovation

Was unterscheidet den Makerspace-Ansatz der Alon Akademie von klassischem Schulunterricht oder anderen Freizeitangeboten für Kinder?

Alicia Reimer: Der größte Unterschied ist wahrscheinlich, dass bei uns nicht vorher feststeht, wie das Ergebnis aussehen muss. Ein Kind kann mit einer Idee kommen und erst einmal schauen: Wie könnte ich die überhaupt umsetzen? Vielleicht wird etwas gebaut, programmiert, designt, gedruckt oder komplett anders gedacht als ursprünglich geplant. Wir versuchen, möglichst wenig vorzugeben und eher zu begleiten. Es geht nicht darum, dass am Ende 15 Kinder das gleiche Produkt gebaut haben. Im besten Fall haben 15 Kinder 15 unterschiedliche Dinge ausprobiert und sind zunächst gescheitert und haben es dann wieder versucht. 

Bei uns gibt es keine Noten. Wenn etwas nicht funktioniert, ist das kein schlechtes Ergebnis, sondern meistens der Moment, in dem es interessant wird: Warum funktioniert es nicht? Was könnte ich anders machen? Genau diese Freude am Ausprobieren möchten wir fördern.

Uns ist außerdem wichtig, dass es nicht bei einer Art „Beschäftigung“ im Makerspace bleibt. Wir wollen mit den Ideen rausgehen und Dinge tatsächlich vor Ort umsetzen. Wenn Kinder und Jugendliche eine Idee dafür haben, wie ihr Umfeld besser, schöner oder anders werden könnte, möchten wir gemeinsam schauen, wie daraus ein echtes Projekt werden kann. So erleben sie nicht nur, dass sie etwas gestalten können, sondern auch, dass ihre Ideen außerhalb des Makerspaces Wirkung haben können. Ein Beispiel dafür ist unser Projekt Budgetheld:innen: Gemeinsam mit Kindern entwickeln wir Ideen dafür, wie die Kinderecke der Stadtbibliothek Wesel umgestaltet werden kann – und setzen diese anschließend auch tatsächlich vor Ort um.

Wie wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit Schulen und lokalen Unternehmen bei der Weiterentwicklung eurer Angebote?

Alicia Reimer: Extrem wichtig. Wir wollen keine Parallelwelt schaffen, sondern mit den Strukturen zusammenarbeiten, die bereits da sind. Schulen kennen die Kinder und Jugendlichen und deren Bedürfnisse sehr gut. Unternehmen wiederum können ganz andere Perspektiven, Technologien, Berufsbilder oder reale Fragestellungen mitbringen. Gerade diese Verbindungen sind spannend: Wenn ein junger Mensch nicht nur theoretisch hört, welche Möglichkeiten es gibt, sondern jemanden kennenlernt, der wirklich etwas entwickelt, ein Unternehmen gegründet oder einen ungewöhnlichen Berufsweg eingeschlagen hat. Gleichzeitig lernen auch wir ständig dazu. Unsere Angebote sollen sich nicht danach richten, was wir Erwachsenen gerade spannend finden, sondern danach, was Kinder und Jugendliche tatsächlich brauchen und ausprobieren möchten.

 

Gründung und Aufbau

Wie verlief euer Weg von der Idee zur Gründung?

Alicia Reimer: Definitiv nicht geradeaus. Ich glaube, wenn wir am Anfang gewusst hätten, was alles dazugehört, hätten wir vielleicht noch etwas gründlicher darüber nachgedacht. Gleichzeitig war genau dieses „Wir fangen jetzt einfach mal an“ wahrscheinlich entscheidend.

Angefangen hat die Idee tatsächlich auf den Philippinen. Von dort aus haben wir erste Gedanken weiterentwickelt, Gespräche geführt und angefangen, Dinge auszuprobieren. Und gerade am Anfang haben wir unglaublich viele Fehler gemacht – bei finanziellen Entscheidungen, bei der Frage, mit wem man zusammenarbeitet, oder bei Projekten, in die viel Energie geflossen ist und die am Ende trotzdem im Sand verlaufen sind.

Danach kamen nach und nach Förderprogramme, Partner, die Gründung unserer gemeinnützigen Organisation und schließlich die Möglichkeit, einen eigenen Makerspace zu entwickeln. Dabei hat sich unser Konzept auch immer wieder verändert. Vieles, von dem wir am Anfang dachten, dass es unbedingt dazugehört, sieht heute anders aus. Und eigentlich leben wir damit genau das vor, was wir auch Kindern vermitteln wollen: anfangen, testen, Feedback bekommen, anpassen und weitermachen.

Wie habt ihr die Finanzierung der Alon Akademie aufgestellt, und welche Rolle spielten Förderprogramme oder euer Netzwerk aus der Start-up-Szene dabei?

Alicia Reimer: Die Finanzierung funktioniert bei uns etwas anders als bei einem klassischen gewerblichen Start-up. Bei uns spielen vor allem Förderprogramme, Stiftungsgelder, Spenden, Kooperationen und Unterstützende eine große Rolle. Gerade in der Aufbauphase waren Förderprogramme für uns unglaublich wichtig, weil sie uns ermöglicht haben, erste Ideen auszuprobieren, Angebote zu entwickeln und Schritt für Schritt Strukturen aufzubauen. Unterstützt wurden bzw. werden wir dabei zum Beispiel durch das Gründungsstipendium NRW, das Deutsche Kinderhilfswerk, die Altana AG, die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE), das EU-Förderprogramm DEAR und die GLS Treuhand Stiftung. Gleichzeitig hat uns unser Netzwerk aus der Start-up- und Social-Entrepreneurship-Szene enorm geholfen – genauso wie die vielen Menschen, die uns ehrenamtlich unterstützen. Diese Unterstützung ist nicht immer direkt finanziell. Oft sind es Kontakte, Feedback, Erfahrungswissen oder Menschen, die im richtigen Moment eine Tür öffnen. Ich glaube inzwischen sehr stark daran, dass ein gutes Netzwerk nicht bedeutet, möglichst viele Menschen zu kennen. Entscheidend sind eher die Menschen, die an eine Idee glauben und an der richtigen Stelle sagen: „Sprich doch einmal mit dieser Person.“

 

Erfolge und Zukunft

Auf welchen Meilenstein seid ihr bislang besonders stolz, seit der Makerspace in Wesel eröffnet hat?

Alicia Reimer: Natürlich war die Eröffnung unseres eigenen Makerspaces selbst ein riesiger Moment. Eine Idee, über die wir sehr lange gesprochen haben und die teilweise nur auf Präsentationsfolien existiert hat, plötzlich als echten Raum zu sehen, war schon ziemlich besonders. Aber ehrlich gesagt sind es meistens kleinere Situationen, die mir stärker im Kopf bleiben. Wenn ein Kind nach einem Workshop noch bleiben möchte, weil es seine Idee unbedingt fertig bauen will. Wenn jemand am Anfang sagt: „Das kann ich nicht“, und später völlig stolz etwas zeigt, das selbst entstanden ist. Oder wenn Jugendliche anfangen, ihre eigenen Projekte weiterzuentwickeln, ohne dass Erwachsene ihnen sagen, was sie tun sollen. Dann merken wir: Genau dafür machen wir das. Ein schönes Beispiel sind auch die Insektenhotels, die die Kinder selbst gebaut haben und die anschließend tatsächlich genutzt werden konnten. Da wird aus einer Idee und ein bisschen Material plötzlich etwas Reales, das über den Workshop hinaus Bestand hat.

Welche Vision verfolgt ihr für die Alon Akademie in den kommenden Jahren – auch über Wesel hinaus?

Alicia Reimer: Unsere Vision ist nicht unbedingt, überall einen Alon-Makerspace hinzustellen. Viel spannender finde ich die Frage, wie wir das, was bei uns funktioniert, so aufbereiten können, dass andere Schulen, Kommunen oder Organisationen ähnliche Räume und Formate schaffen können. Langfristig wünsche ich mir, dass es völlig normal ist, dass Kinder und Jugendliche nicht nur Wissen lernen, sondern regelmäßig die Möglichkeit bekommen, eigene Ideen zu entwickeln und wirklich umzusetzen. Wesel ist für uns dabei ein bisschen unser Reallabor. Hier können wir ausprobieren, lernen und gemeinsam mit den Kindern, Schulen und Partnern herausfinden, was funktioniert. Und Dinge, die sich bewähren, möchten wir anschließend auch über Wesel hinaus weitergeben.

Tipps für Gründende 

Was war die wichtigste Lektion, die ihr beim Gründen eines gemeinnützigen Bildungsprojekts gelernt habt?

Alicia Reimer: Dass man nicht warten sollte, bis alles perfekt ist. Gerade bei einer sozialen Idee kann man unglaublich lange Konzepte schreiben und überlegen, wie etwas theoretisch funktionieren müsste. Aber am meisten haben wir eigentlich immer dann gelernt, wenn wir etwas tatsächlich ausprobiert haben. Und die zweite große Lektion ist wahrscheinlich, dass Wirkung Zeit braucht. Gerade in der Bildungsarbeit sieht man nicht immer sofort, was etwas verändert hat. Man muss deshalb gleichzeitig ungeduldig genug sein, Dinge anzustoßen, und geduldig genug, ihnen Zeit zu geben.

Welchen Rat würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern geben?

Alicia Reimer: Früh mit den Menschen sprechen, für die man etwas entwickeln möchte und dann möglichst schnell etwas ausprobieren. Man muss am Anfang weder das perfekte Konzept noch die perfekte Finanzierung noch die perfekte Organisation haben. Aber man sollte verstehen, welches Problem man eigentlich lösen möchte und sich immer wieder daran zurückbesinnen. Und ich würde versuchen, sich Menschen zu suchen, die Dinge können, die man selbst nicht kann. Wir hätten Alon niemals aufgebaut, wenn alle von uns die gleichen Stärken hätten. Vielleicht ist mein wichtigster Rat aber tatsächlich: nicht zu lange darauf warten, dass man sich bereit fühlt. Bei den meisten großen Dingen, die ich gemacht habe, habe ich mich vorher nicht komplett bereit dafür gefühlt. Man wächst meistens erst hinein, wenn man anfängt.

Weitere Informationen:

https://www.alonakademie.com/