“Wir sind in NRW verwurzelt und haben alle Voraussetzungen, um mit unserem Start-up auch zu bleiben.“

v.l.n.r.: Dr. Philip Groesdonk, Larissa Singer, Dr. Luis Blanco

Interview mit Dr. Philip Groesdonk, heatbrAIn GmbH

Damit die Wärmewende gelingt, brauchen Kommunen, Stadtwerke und Planungsbüros verlässliche Daten über den Gebäudebestand – oft liegen die Informationen aber verstreut, unvollständig oder veraltet vor. Das Bergisch Gladbacher Start-up heatbrAIn, ein Spin-off aus der Forschung am DLR-Institut für Solarforschung in Jülich, automatisiert genau diese Bestandsanalyse und liefert georeferenzierte Wärmebedarfsdaten für die kommunale Wärmeplanung und darauf folgende Umsetzungsschritte. Im Interview spricht Mitgründer Dr. Philip Groesdonk über die Idee aus der Forschung heraus, die Herausforderungen beim Aufbau eines Deep-Tech-Start-ups und ihre Vision für eine datengetriebene Wärmewende.

Idee und Motivation

Wie entstand die Idee zu heatbrAIn – und welches Problem bei der kommunalen Wärmeplanung wolltet ihr damit lösen?

Dr. Philip Groesdonk: Die Idee zu heatbrAIn entstand aus dem Wunsch, unsere Forschungsergebnisse in die praktische Anwendung zu bringen. In Gesprächen mit Städten, Energieagenturen und Planungsbüros haben wir schnell festgestellt, dass die benötigte Datengrundlage für viele Projekte – und nicht nur für die kommunale Wärmeplanung – häufig lückenhaft ist. Gleichzeitig ist es sehr aufwendig, Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenzutragen und in eine konsistente Form zu bringen. Genau hier wollten wir ansetzen: den Zugang zu relevanten Daten deutlich vereinfachen und zugleich ihre Qualität und Nutzbarkeit verbessern.

Die Idee ist aus euren Promotionsprojekten am DLR-Institut für Solarforschung entstanden. Wie kam der Schritt von der Forschung zur eigenen Unternehmensgründung?

Dr. Philip Groesdonk: Besonders wichtig war für uns die Unterstützung durch die Institutsleitung. Eine Ausgründung war für uns von Anfang an eine mögliche Perspektive, auch weil Kolleginnen und Kollegen bereits erfolgreiche Beispiele abgaben. Zu sehen, wie andere den Schritt aus der Forschung in die Gründung gemeistert haben, hat uns bestärkt und motiviert, diesen Weg selbst zu gehen.

Warum habt ihr euch entschieden, heatbrAIn in NRW aufzubauen, und welche Rolle hat das regionale Ökosystem für eure Entwicklung gespielt?

Dr. Philip Groesdonk: Da gab es gar keine Diskussion. Wir sind hier lokal verwurzelt und haben auch vorher schon in der Region gearbeitet. Das Ökosystem bietet uns alle Voraussetzungen, um auch zu bleiben: Acceleratoren und andere Start-up-Unterstützungsangebote, zum Beispiel im Startup Village in Jülich, an der FH Münster und beim Kreis Neuss, flexible Co-Working-Arbeitsplätze und eben auch finanzielle Förderung – zunächst durch das Gründungsstipendium NRW und jetzt Grüne Gründungen.

 

Technologie und Innovation

Was unterscheidet die Daten und Modelle von heatbrAIn von den bisherigen, oft lückenhaften Datenquellen, mit denen Planungsbüros und Kommunen bislang arbeiten mussten?

Dr. Philip Groesdonk: Da gibt es mehrere Punkte. Durch die Verpflichtung zur kommunalen Wärmeplanung hat sich in den vergangenen drei Jahren viel verändert, und mittlerweile gibt es viele gut funktionierende Methoden. Eine zentrale Herausforderung bleibt jedoch, bestehende Datenlücken mit sinnvollen Daten zu schließen – das ist nach wie vor ein Kern unserer Arbeit. Besonders zeichnet uns heute aus, dass wir unterschiedliche und teilweise auch widersprüchliche Datenquellen wie Verbrauchs-, Bedarfs- und Kehrbuchdaten sinnvoll miteinander kombinieren können. Zudem hinterlegen wir für jedes Gebäude ein eigenes Gebäudemodell, mit dem sich stündliche Lastprofile für unterschiedliche Wetter-, Klima- und Sanierungsszenarien simulieren lassen.  

Wie wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit Stadtwerken, Kommunen und Planungsbüros bei der Weiterentwicklung eurer Software?

Dr. Philip Groesdonk: Das ist für uns die wichtigste Quelle für neue Features und Weiterentwicklungen. Wir priorisieren unsere Entwicklungen vor allem danach, was von unseren Kunden gerade nachgefragt wird. Gleichzeitig versuchen wir aber auch, neue Anforderungen frühzeitig zu erkennen - etwa durch gesetzliche Änderungen oder neue Förderbedingungen. In solchen Fällen gehen wir bewusst in Vorleistung und entwickeln Lösungen, bevor der Bedarf akut wird. So können wir direkt unterstützen, wenn der Schuh dann tatsächlich drückt.

 

Gründung und Aufbau

Kommunale Wärmeplanung ist ein noch junger, stark regulierter Markt. Wie gewinnt man als junges Start-up das Vertrauen von Kommunen und Stadtwerken?

Dr. Philip Groesdonk: Einerseits hilft der Hintergrund aus der Forschung. DLR und RWTH Aachen sind sehr gute Referenzen für die eigene Ausbildung. Das Wichtigste ist aber, dass unsere Daten die lokale Realität widerspiegeln und die Kommunen und Stadtwerke sehen, dass das, was wir ausrechnen, wirklich abbildet, was sie auch vor Ort sehen.

Welche Förderprogramme habt ihr in Anspruch genommen und welche Rolle spielten diese Förderprogramme für euren Aufbau?

Dr. Philip Groesdonk: Im DLR gibt es eine Förderung namens „Helmholtz Enterprise“, die es ermöglicht, die Gründung vorzubereiten, während man noch beim DLR beschäftigt ist. Das war für uns sehr wichtig, denn zwischen einer Forschungssoftware und dem produktiven Einsatz liegt doch mehr, als man zunächst denkt. 

Hinzu kamen die Entwicklung des Geschäftsmodells, die Formalitäten der Softwareübergabe und vieles, was man als angehender Unternehmer lernen muss oder sollte – und wofür man normalerweise nicht bezahlt wird. Für diese Möglichkeit sind wir dem DLR und der Helmholtz-Gemeinschaft sehr dankbar. 

2024 standen wir dann vor der Entscheidung, externe Investoren zu suchen oder es ohne Investment zu versuchen. Da uns der Markt im Bereich der kommunalen Wärmewende für Investoren etwas zu klein erschien und wir grundsätzlich schon ein anwendbares Produkt hatten, haben wir uns für letzteres entschieden. Das Gründungsstipendium NRW hat uns in dieser Phase dabei unterstützt, uns auf die Weiterentwicklung unseres Vorhabens und den Aufbau des Unternehmens zu konzentrieren. Aktuell nutzen wir das Programm Grüne Gründungen, um aus unseren Modellen eine anwenderorientierte Software zu entwickeln.

 

Erfolge und Zukunft

Ihr wart bereits an mehreren kommunalen Wärmeplanungen beteiligt – auf welchen Meilenstein seid ihr bislang besonders stolz?

Dr. Philip Groesdonk: Ich glaube, der erste richtige Auftrag bleibt etwas ganz Besonderes. Bei uns war das die kommunale Wärmeplanung in Florstadt. Dass die Zusammenarbeit mit der Kommune und dem Planungsbüro dann auch noch so gut geklappt hat, hat uns natürlich umso mehr gefreut.

Welche Rückmeldungen erhaltet ihr von Planungsbüros und Wärmeversorgern, die bereits mit heatbrAIn arbeiten?

Dr. Philip Groesdonk: Dazu vielleicht eine Anekdote: Einen Planer, den wir bisher nur aus Teams-Terminen kannten, haben wir zufällig auf einer Veranstaltung persönlich getroffen, und er sagte uns dann sinngemäß: „Wenn ich immer so gute Daten wie von euch bekommen würde, könnte ich deutlich mehr Projekte bearbeiten als bisher.“ Solche Rückmeldungen freuen uns natürlich sehr. Viele sind auch überrascht, welche zusätzlichen Berechnungen und Auswertungen mit unseren Daten möglich sind. Ein großer Vorteil ist dabei, dass wir unsere Daten und Modelle selbst entwickelt haben und deshalb genau wissen, was dahintersteckt. So können wir den Nutzerinnen und Nutzern transparent erklären, wie bestimmte Ergebnisse zustande kommen und auf welchen Berechnungen sie beruhen.

Welche Vision verfolgt ihr für heatbrAIn in den kommenden Jahren?

Dr. Philip Groesdonk: Unsere Vision ist vor allem die einer immer schnelleren Wärmewende. Und die wollen wir natürlich unterstützen, das ist unser Anspruch. Je schneller und besser wir Entscheidungsgrundlagen in Form von Daten liefern können, desto eher werden aus Ideen Planungen, aus Planungen Investitionen und aus Investitionen saubere Wärme. Für all diese Schritte wollen wir ein Angebot machen können, am besten nicht nur in Deutschland.

Tipps für Gründende 

Was war die wichtigste Lektion, die ihr beim Gründen aus der Wissenschaft heraus gelernt habt?

Dr. Philip Groesdonk: Die wichtigste Lektion ist wohl, dass Kundinnen und Kunden nur sicher sein wollen, dass etwas funktioniert, aber nicht genau erklärt haben möchten, warum. Das ist auf wissenschaftlichen Konferenzen komplett anders, da interessiert vor allem, warum das eine funktioniert und das andere nicht. Man muss also die eigene Kommunikation komplett verändern. Ich glaube, das haben wir immer noch nicht komplett verinnerlicht.

Welchen Rat würdet ihr Gründerinnen und Gründern geben, die mit ihrer Forschung ein Deep-Tech-Start-up im Klima- oder Energiebereich aufbauen möchten?

Dr. Philip Groesdonk: Es hilft sehr, wenn es einen konkreten Anwendungsfall gibt, zu dem eine Forschung passt. Gerade im Klima- und Energiebereich sind viele Prozesse stark reguliert und die zu erbringenden Leistungen klar definiert. Bei uns waren das beispielsweise die Bestandsanalyse im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung und die Wärmenetzplanung. Bei einer Neugründung würde ich deshalb immer dazu raten, gezielt nach einem solchen Anwendungsfeld zu suchen – also nach einer konkreten Aufgabe, die sich mit dem eigenen Forschungsergebnis besser oder effizienter lösen lässt als mit bestehenden Ansätzen.

Weitere Informationen:

https://www.heatbrain.eu/